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Ali Khamenei: Das ist der Oberste Führer des Iran

Oct 23, 2026  Twila Rosenbaum  7 views
Ali Khamenei: Das ist der Oberste Führer des Iran

Das Wichtigste in Kürze

  • Ali Khamenei ist seit 1989 Oberster Führer der Islamischen Republik Iran.
  • Der 1939 geborene Kleriker wurde in den 1980er-Jahren Präsident und überlebte 1981 ein Attentat, seither kann er den rechten Arm nicht mehr heben.
  • Er konzentriert die Macht bei Klerikern und Revolutionsgarden, lässt Proteste niederschlagen und bestimmt über die Zulassung von Präsidentschaftskandidaten mit.
  • Nach israelischen Angriffen auf Teheran steht der 86-Jährige vor einer Entscheidung über das Atomprogramm und die Zukunft seines Regimes.

Ali Khamenei ist seit mehr als drei Jahrzehnten die zentrale Figur der Islamischen Republik Iran. Der 86-Jährige ist Oberster Führer, nicht Präsident, doch die Verfassung gibt ihm das letzte Wort. Er hat Befehlsgewalt über die Revolutionsgarden, die mächtige Parallelarmee des Staates, und er bestimmt mit dem Wächterrat, wer überhaupt für das Präsidentenamt kandidieren darf. Damit verkörpert er jenes Regime, das sich seit der Revolution von 1979 an der Macht hält – mit Härte, mit einem Sicherheitsapparat, der weit reicht, und mit einem Machtanspruch, der kaum noch politische Konkurrenz zulässt.

In diesen Tagen steht Khamenei unter einem Druck, wie ihn die Islamische Republik lange nicht erlebt hat. Israelische Angriffe treffen Teheran, mehrere Größen des Regimes sollen getötet worden sein. Medienberichten zufolge soll ein amerikanischer Präsident den israelischen Premier davon abgebracht haben, auch den Obersten Führer selbst zu töten. Es ist eine Nachricht, die Khamenei kränken dürfte: Er, der die USA und Israel jahrzehntelang als existenzielle Feinde beschrieben hat, soll sein Leben ausgerechnet einem amerikanischen Politiker verdanken. Ob die Darstellung vollständig zutrifft, ist offen. Sie zeigt aber, wie eng der Spielraum des alten Staatschefs inzwischen geworden ist.

Vom Gefangenen des Schahs zum Obersten Führer

Ali Khamenei wurde 1939 in Maschhad geboren. Er entstammt einer religiösen Familie, studierte in Qom und gehörte früh zu den Islamisten, die gegen den Schah opponierten. Der Geheimdienst des Schahs verfolgte ihn, nach offiziellen Darstellungen soll er sechsmal inhaftiert worden sein. Die Ablehnung der USA, die den Schah stützten, und die Feindschaft zu Israel gehörten für diese Strömung zum politischen Selbstverständnis. Khamenei spricht bis heute nicht von Israel, sondern vom „zionistischen Regime“.

Nach der Revolution von 1979 stieg er schnell auf. Er wurde Präsident, kommandierte in den 1980er-Jahren die iranische Armee im Krieg gegen den Irak und überlebte 1981 ein Attentat nur knapp. Seither kann er den rechten Arm nicht mehr heben. Als Ruhollah Khomeini 1989 starb, übernahm Khamenei dessen Nachfolge als Oberster Führer. Er hatte nicht das Charisma seines Vorgängers, doch er verstand sich auf das, was für die Islamische Republik zentral wurde: Macht zu sichern, Rivalen auszuschalten und den Apparat auf sich zuzuschneiden.

Machtkonzentration bei Klerikern und Revolutionsgarden

Khamenei gilt als vorsichtig, bisweilen ängstlich. Zugleich ist er stur und autoritär. In den vergangenen Jahren hat er die politischen Debatten, die es in der Islamischen Republik früher in Ansätzen gab, weitgehend erstickt. Die Macht konzentriert sich in einem kleinen Zirkel aus Klerikern und Generälen der Revolutionsgarden. Frühere Präsidenten, die einst zum System gehörten, galten ihm zunehmend als zu liberal. Der Expertenrat, ein Klerikerparlament, das nach seinem Tod den Nachfolger bestimmen soll, wurde nur mit Konservativen besetzt. Khamenei will seine Nachfolge regeln, weil er fürchtet, dass die Menschen nach seinem Tod wieder auf die Straße gehen. Einen Moment des Kontrollverlusts möchte er vermeiden.

Das Regime hat in den letzten Jahren mehrfach gezeigt, wie weit es geht, um Proteste zu unterdrücken. Die Bewegung nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022 wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben, Tausende wurden festgenommen. Khamenei nahm diese Opfer in Kauf, um die Islamische Republik zu erhalten. Die Mehrheit der Bevölkerung beteiligt sich inzwischen nicht mehr an den Wahlen, die ohnehin kaum noch Bedeutung haben. Der Oberste Führer hat sich vom Volk abgeschottet – und sieht sich nun mit einer Krise konfrontiert, die nicht nur von außen kommt.

Die Revolutionsgarden sind dabei mehr als ein militärischer Apparat. Sie kontrollieren große Teile der Wirtschaft, betreiben Baukonzerne, Banken und Telekommunikationsfirmen und verfügen über einen eigenen Geheimdienst. Wer in Iran politisch aufsteigen will, kommt an ihnen kaum vorbei. Khamenei hat diese Struktur bewusst gestärkt, weil sie ihm Loyalität und Schutz verspricht. Doch die enge Verflechtung von Militär, Wirtschaft und Politik hat auch eine Kehrseite: Korruption, Misswirtschaft und internationale Sanktionen treffen das Land hart. Die junge Bevölkerung leidet unter fehlenden Perspektiven, während der Machtapparat seine Privilegien verteidigt.

Die „Achse des Widerstands“ bröckelt

Lange konnte Khamenei auf ein Netzwerk von Milizen setzen, das Israel bedrohen und Irans Einfluss in der Region sichern sollte. Die sogenannte „Achse des Widerstands“ reichte von der Hizbollah im Libanon über Hamas und Islamischen Dschihad in Gaza bis zu Gruppen im Irak und in Syrien. Doch dieses Netzwerk ist geschwächt. Der Hizbollah-Führer Hassan Nasrallah, jahrzehntelang ein enger Verbündeter Khameneis, starb 2024 bei einem israelischen Angriff. Auch andere Führungsfiguren wurden getötet. Die Milizen mögen weiter existieren, aber sie sind kaum noch in der Lage, Israel so unter Druck zu setzen wie früher.

Für Khamenei bedeutet das einen doppelten Verlust: Der regionale Einfluss schwindet, und die eigene Sicherheit steht infrage. Israelische Bomben fallen auf Teheran. Das Regime erlebt etwas, das es in dieser Form nicht kennt. Um den alternden Staatschef wird es einsamer. Schwächen werden offenkundig, auch Altersschwäche. Der Mann, der jahrzehntelang als Garant der Stabilität galt, wirkt nun selbst als Risikofaktor.

Die Atomentscheidung als Überlebensfrage

Im Zentrum steht das iranische Atomprogramm. Khamenei hat den Ausbau lange vorangetrieben, weil er dem Westen misstraut. Der Iran sollte in der Lage sein, eine Atombombe zu bauen – zumindest als Option. Das Programm galt als Lebensversicherung des Regimes. Nun muss Khamenei entscheiden, ob er das Anreichern von Uran aussetzt oder zumindest begrenzt, damit die USA nicht in den Krieg eingreifen. Es geht um sein eigenes Überleben und um den Fortbestand seines Unterdrückungsstaates, dessen Ende sich viele Iranerinnen und Iraner wünschen.

Die Entscheidung ist schwer, weil jede Variante Risiken birgt. Gibt Khamenei nach, könnte er hardlinerische Kräfte im eigenen Apparat verärgern und als Schwächling erscheinen. Hält er am Programm fest, droht eine Eskalation mit Israel und den USA. Zugleich hat er kaum noch Verbündete, auf die er sich verlassen kann. Die Revolutionsgarden sind mächtig, aber auch sie stehen unter Druck. Die Wirtschaft leidet, die Währung ist schwach, die junge Bevölkerung ist unzufrieden. Khamenei weiß, dass die Islamische Republik nicht nur von außen bedroht wird, sondern auch von innen.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Atomprogramm über Jahre zum Symbol nationaler Souveränität aufgebaut wurde. Jede Einschränkung wird im Inneren als Niederlage gegen den Westen gedeutet. Khamenei hat diese Erzählung selbst geprägt. Nun müsste er sie zurechtbiegen, falls er tatsächlich nachgibt. Das macht die Entscheidung politisch explosiv. Denn wer das Atomprogramm aufgibt, gibt auch ein Stück jener Legitimation preis, die das Regime seit Jahrzehnten zusammenhält.

Seit 1989 hat Ali Khamenei das System geprägt. Er hat Proteste niederschlagen lassen, Wahlen zu einem Schauverfahren gemacht und die Macht bei Klerikern und Militärs konzentriert. Nun zeigt sich, dass diese Strategie an ihre Grenzen stößt. Die israelischen Angriffe haben die Verwundbarkeit des Regimes offengelegt. Der Oberste Führer, der so lange als unantastbar galt, muss um sein Leben und seine Macht fürchten. Ob er das Atomprogramm opfert, um einen größeren Krieg zu verhindern, ist offen. Die Entscheidung über die Urananreicherung ist damit zugleich eine Entscheidung über die Zukunft der Islamischen Republik.


Source: Tages-Anzeiger News


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