Die wichtigsten Fakten
- Kylie Jenner trug bei der Victoria’s-Secret-Show den Fantasy Bra, ein mit Gold und 4.410 natürlichen Diamanten besetztes Schmuckstück.
- Der Wert des BHs wird auf 50 Millionen US-Dollar beziffert; im Zentrum sitzt ein gelber Diamant mit 75,54 Karat.
- 15 Kunsthandwerker:innen sollen mehr als 1000 Stunden an dem Stück gearbeitet haben.
- Die Tradition des Fantasy Bra begann 1996; 2018 wurde das Modell zuletzt auf dem Laufsteg gezeigt.
- Jenner lief in diesem Jahr erstmals für Victoria’s Secret und erhielt den prestigeträchtigen Auftritt, während etablierte Angels teils Jahre darauf warteten.
- Die Marke steht wegen eines eng definierten Schönheitsideals, Sexismusvorwürfen, der Verbindung des früheren Eigentümers Les Wexner zu Jeffrey Epstein und Vorwürfen zu Arbeitsbedingungen in der Lieferkette in der Kritik.
- Der Tod der 44-jährigen Paramasivam Pushpalatha in einer Fabrik des Zulieferers Brandix in Sri Lanka im Oktober 2025 wirft Fragen auf; Brandix widerspricht Darstellungen, Victoria’s Secret verweist auf Prüfungen.
Kylie Jenner auf dem Laufsteg von Victoria’s Secret: Der Auftritt wirkt wie ein Versuch, mit maximaler Prominenz und einem außergewöhnlich teuren Schmuckstück zurück in die Schlagzeilen zu kommen. Jenner trug den Fantasy Bra, ein Konstrukt aus Gold und Tausenden Diamanten, dessen Wert auf 50 Millionen US-Dollar geschätzt wird. Die Reaktionen folgten schnell. In sozialen Netzwerken wurde weniger über die handwerkliche Leistung hinter dem Stück diskutiert als über die Frage, ob ausgerechnet Jenner diesen Auftritt erhalten sollte. Die Kritik an ihrem Model-Talent ist dabei nur der sichtbarste Teil einer Debatte, die tiefer reicht: Es geht um die Rolle von Luxusinszenierungen, um die Glaubwürdigkeit einer Marke und um die Frage, was ein einzelnes Kleidungsstück über Prioritäten in der Modebranche aussagt.
Denn der Fantasy Bra ist längst mehr als Unterwäsche. Er ist ein Marketinginstrument, ein Sammelpunkt für Aufmerksamkeit und ein Symbol für eine Marke, die sich seit Jahren in einer Identitätskrise befindet. Victoria’s Secret war lange für spektakuläre Shows bekannt, für Engelsflügel, prominente Musiker:innen und eine sehr klar definierte Ästhetik. Diese Ästhetik hat das Unternehmen groß gemacht, sie ist aber auch der Grund, warum die Marke heute so stark unter Beobachtung steht. Der Auftritt von Kylie Jenner bündelt diese Spannung: Einerseits soll er Glamour und Gesprächsstoff liefern, andererseits erinnert er an all jene Probleme, die Victoria’s Secret in den vergangenen Jahren eingeholt haben.
Was ist der Fantasy Bra überhaupt?
Der Fantasy Bra ist ein aufwendig gestaltetes Schmuckstück, das bei der Victoria’s-Secret-Show traditionell als Höhepunkt präsentiert wird. Die Geschichte reicht bis 1996 zurück. Damals trug Claudia Schiffer ein Modell, das mit rund einer Million US-Dollar bewertet wurde – allerdings für ein Shooting und nicht auf dem Laufsteg. In den folgenden Jahren wurden die Designs immer spektakulärer. Gisele Bündchen präsentierte im Jahr 2000 einen mit Rubinen besetzten BH im Wert von 15 Millionen Dollar. Der Fantasy Bra entwickelte sich damit zu einem Ritual der Übertreibung: Je teurer, desto besser geeignet schien er für Schlagzeilen.
2018 wurde der Fantasy Bra zuletzt auf dem Laufsteg gezeigt. Das diesjährige Modell entstand in Zusammenarbeit mit dem Schmuckunternehmen Jacob & Co. und besteht aus Gold und 4.410 natürlichen Diamanten. Im Zentrum sitzt ein gelber Diamant mit 75,54 Karat. 15 Kunsthandwerker:innen sollen mehr als 1000 Stunden an dem Stück gearbeitet haben. Victoria’s Secret beziffert den Wert auf 50 Millionen US-Dollar. Der Aufwand ist Teil der Inszenierung: Der BH soll nicht einfach Unterwäsche sein, sondern ein luxuriöses Kunstobjekt, das Aufmerksamkeit erzeugt. Dass er tatsächlich alltagstauglich wäre, ist dabei kaum der Punkt. Der Fantasy Bra ist vor allem ein Marketinginstrument – und eines, das auch nach acht Jahren Pause noch für Schlagzeilen sorgt.
Die Inszenierung folgt einer Logik, die sich durch die gesamte Geschichte der Marke zieht. Victoria’s Secret verkaufte nie nur Dessous, sondern ein Versprechen: Glamour, Begehren und die Vorstellung, Teil einer exklusiven Welt zu sein. Der Fantasy Bra ist die extremste Form dieses Versprechens. Er ist so teuer, dass er für die meisten Menschen unerreichbar bleibt. Genau darin liegt seine Funktion. Er soll nicht gekauft werden, er soll bewundert werden. Und er soll dafür sorgen, dass über die Marke gesprochen wird – selbst dann, wenn die Diskussion kritisch ausfällt.
Warum durfte Kylie Jenner den Fantasy Bra tragen?
Kylie Jenner ist nicht das klassische Victoria’s-Secret-Model. Dass ausgerechnet sie den Fantasy Bra tragen durfte, stößt deswegen auf Kritik. Zum einen ist Jenner in diesem Jahr zum ersten Mal bei der Mode-Show von Victoria’s Secret mitgelaufen. Etabliertere Angels, wie die Models des Unternehmens genannt werden, mussten teils Jahre darauf warten, den Fantasy Bra tragen zu dürfen. Für viele wirkt es daher so, als habe nicht die modelhandwerkliche Erfahrung den Ausschlag gegeben, sondern die Reichweite einer prominenten Unternehmerin.
Dass sie ausgewählt wurde, ist jedoch kein Zufall. Adam Selman, Chief Creative Officer der Marke, beschrieb sie in Modeberichten als cultural powerhouse – also als eine Persönlichkeit mit großem kulturellem Einfluss. Der Auftritt ist damit weniger eine Auszeichnung für Jenners Modelkarriere als eine geschickte Marketingentscheidung. Ihre Bekanntheit sorgt dafür, dass auch Menschen über die Show sprechen, die sich sonst vielleicht nicht für Dessous interessieren. Gleichzeitig verbindet die Marke ihr eigenes Comeback mit einer prominenten Persönlichkeit, die bereits eine große Fangemeinde mitbringt.
Diese Verbindung ist für Victoria’s Secret attraktiv, weil Aufmerksamkeit in der Modewelt zu einer knappen Ressource geworden ist. Eine traditionelle Dessous-Show allein reicht heute kaum noch aus, um im Gespräch zu bleiben. Prominente Gäste, überraschende Auftritte und symbolisch aufgeladene Kleidungsstücke helfen dabei, den Eindruck von Relevanz zu erzeugen. Kylie Jenner ist in dieser Logik nicht nur ein Model für einen Abend, sondern ein Medienereignis. Die Kritik an ihrer Auswahl verweist aber auf ein grundlegendes Problem: Wenn Reichweite wichtiger wird als nachvollziehbare Kriterien, kann eine Marke schnell unglaubwürdig wirken.
Victoria’s Secret: Vom Kultlabel zum Imageproblem
Um zu verstehen, warum der Fantasy Bra so aufgeladen ist, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte der Marke. Victoria’s Secret machte die jährliche Modenschau seit den 1990er-Jahren zu einem globalen Popkulturereignis. Die Angels mit ihren Flügeln, aufwendigen Kostümen und stark normierten Körperbildern wurden zu Markenzeichen. Die Show war nicht nur eine Präsentation von Unterwäsche, sondern ein Spektakel aus Mode, Musik und Prominenz. Wer dort auftrat, gehörte zu den sichtbarsten Gesichtern der Branche.
Doch dieses Bild geriet zunehmend in die Kritik. Die Marke stand für ein sehr enges Schönheitsideal: überwiegend schlanke, normschöne Frauen, deren Körper einer bestimmten Vorstellung entsprachen. In einer Zeit, in der immer mehr Marken mit Diversität und Körperakzeptanz warben, wirkte das zunehmend aus der Zeit gefallen. 2018 sorgte außerdem ein Interview des damaligen Marketingchefs Ed Razek für Empörung. Er äußerte sich abwertend über die Idee, Transgender- und Plus-Size-Models in die Show einzubeziehen. Im selben Zeitraum geriet die Verbindung zwischen dem damaligen Eigentümer Les Wexner und Jeffrey Epstein stärker in den Fokus. 2019 wurde die Show schließlich abgesagt.
Bei der Rückkehr der Show im Jahr 2024 bemängelten einige Beobachter:innen, dass die neue Inszenierung zwar vielfältiger wirken sollte, aber noch keine überzeugende neue Identität gefunden hatte. Andere vermissten gerade das übertriebene, glamouröse Spektakel, das die Marke früher ausgemacht hatte. Victoria’s Secret steckt seither in einem Spagat: Die Marke will moderner werden, ohne ihre traditionelle Fangemeinde zu verlieren. Der Fantasy Bra von 2025 lässt sich als Versuch lesen, beides miteinander zu verbinden – Nostalgie, Luxus und ein Promi-Auftritt, der möglichst viele Menschen erreicht.
Die Epstein-Verbindung: Was ist belegt?
Die Verbindung zwischen Jeffrey Epstein und Les Wexner ist ein zentraler Teil der belasteten Unternehmensgeschichte. Wexner baute Victoria’s Secret zu einer der bekanntesten Dessousmarken der USA aus. Epstein war über Jahre sein Finanzberater und erhielt weitreichende Vollmachten über Wexners Vermögen. In den veröffentlichten Epstein-Unterlagen taucht Wexners Name vielfach auf. Wexner bestreitet, von Epsteins Sexualstraftaten gewusst oder daran mitgewirkt zu haben. Er selbst wurde in diesem Zusammenhang nicht wegen Beteiligung an Epsteins Straftaten angeklagt.
Die Verbindung ist für Victoria’s Secret trotzdem relevant. Epstein soll seine Bekanntschaft mit Wexner und seine Nähe zur Marke genutzt haben, um sich gegenüber jungen Frauen als einflussreiche Person in der Modelbranche darzustellen. Berichte über Frauen, die mit Versprechen auf Modelkarrieren angelockt und sexuell ausgebeutet worden sein sollen, haben das Image der Marke zusätzlich beschädigt. Für ein Unternehmen, das lange von der Aura exklusiver Schönheit und glamouröser Karrieren lebte, ist das ein besonders heikler Punkt. Die Marke kann sich nicht einfach von der Vergangenheit lösen, weil diese Vergangenheit eng mit ihrer öffentlichen Wahrnehmung verknüpft ist.
Die Frage, wie glaubwürdig ein Neuanfang ist, hängt deshalb nicht nur davon ab, welche Models heute engagiert werden. Sie hängt auch davon ab, ob das Unternehmen Verantwortung übernimmt, Transparenz schafft und deutlich macht, welche Lehren aus den vergangenen Jahren gezogen wurden. Ein einzelner spektakulärer Auftritt kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Er kann Aufmerksamkeit erzeugen, aber er kann die strukturellen Fragen nicht beantworten, die mit der Marke verbunden sind.
Wer näht die Dessous – und unter welchen Bedingungen?
Victoria’s Secret steht noch wegen eines weiteren Punktes in der Kritik: den Arbeitsbedingungen entlang seiner Lieferkette. Ein tragischer Fall wirft konkrete Fragen auf. Paramasivam Pushpalatha, eine 44-jährige Mutter von zwei Kindern, starb am 10. Oktober 2025, nachdem sie sich während ihrer Schicht in einer Fabrik des Unternehmens Brandix in Sri Lanka unwohl gefühlt hatte. Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen zufolge klagte sie über Brustschmerzen und Schwindel und wollte früher gehen, um medizinische Hilfe zu bekommen. Das sei ihr jedoch zunächst verweigert worden.
Brandix widerspricht dieser Darstellung. Es gebe keine Belege dafür, dass Pushpalatha um Erlaubnis gebeten habe, die Arbeit zu verlassen. Das Unternehmen erklärte, sie sei zunächst in der betrieblichen Krankenstation beobachtet und später ins Krankenhaus gebracht worden. Die genauen Umstände ihres Todes werden untersucht. Nach dem Tod erhoben Gewerkschaften zudem Vorwürfe der Einschüchterung gegen Beschäftigte, die über den Fall sprechen wollten. Brandix weist die Anschuldigungen zurück. Victoria’s Secret erklärte, die Sicherheit der Beschäftigten in der Lieferkette ernst zu nehmen, den Fall unabhängig geprüft zu haben und den Bericht der zuständigen Menschenrechtskommission abzuwarten.
Der Fall macht sichtbar, dass die Debatte um Victoria’s Secret nicht bei Ästhetik und Marketing endet. Wer einen BH für 50 Millionen US-Dollar präsentiert, während in der Lieferkette Menschen unter prekären Bedingungen arbeiten, muss mit Fragen nach der Verhältnismäßigkeit rechnen. Die Marke steht damit vor einem Problem, das viele globale Modeunternehmen betrifft: Die glänzende Oberfläche und die unsichtbaren Produktionsbedingungen gehören zusammen. Je stärker die Inszenierung auf Luxus und Exklusivität setzt, desto lauter werden die Fragen nach den Bedingungen, unter denen die Produkte entstehen.
Ist Victoria’s Secret heute noch zeitgemäß?
Die Antwort ist komplizierter, als es die Rückkehr des Fantasy Bra vermuten lässt. Einerseits wirkt das alte Markenbild – makellose Körper, Flügel, Luxus und eine sehr bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit – angesichts der jahrelangen Kritik überholt. Andererseits ist genau diese Ästhetik ein Teil der Markenidentität, die viele Fans mit Victoria’s Secret verbinden. Die Show von 2024 zeigte, wie schwierig der Spagat ist: Einerseits wollte die Marke diverser und zeitgemäßer auftreten, andererseits fehlte manchen Zuschauer:innen der frühere Glamour. 2025 versuchte das Unternehmen, beides zu verbinden. Die diesjährige Rückkehr des Fantasy Bra führt diese Strategie weiter: mehr Nostalgie, mehr Übertreibung und ein Promi-Auftritt, der für möglichst viel Aufmerksamkeit sorgen soll.
Doch Reichweite ist nicht dasselbe wie Relevanz. Dass Kylie Jenner einen BH im Wert von 50 Millionen US-Dollar trägt, garantiert der Marke zwar internationale Schlagzeilen. Es beantwortet aber nicht automatisch die Frage, ob sich Kund:innen in ihrem Sortiment wiederfinden, ob die Produkte ihren Bedürfnissen entsprechen und ob die Marke glaubwürdig mit ihrer Vergangenheit umgeht. Die Debatte um den Fantasy Bra ist deshalb auch eine Debatte über die Prioritäten von Victoria’s Secret. Ein spektakuläres Einzelstück kann ein Zeichen setzen, aber es ersetzt keine klare Haltung zu Körperbildern, Arbeitsbedingungen und der eigenen Geschichte.
Für Jenner selbst ist der Auftritt ein weiterer Schritt in einer öffentlichkeitswirksamen Karriere, die längst nicht mehr nur an Modelarbeit gebunden ist. Für Victoria’s Secret ist er ein Test: Wie viel Aufmerksamkeit lässt sich mit einem außergewöhnlich teuren Schmuckstück erzeugen, und wie viel davon lässt sich in dauerhafte Glaubwürdigkeit übersetzen? Die Marke hat mit dem Fantasy Bra bewiesen, dass sie noch immer ein Spektakel inszenieren kann. Ob daraus mehr als ein kurzfristiger Effekt wird, hängt davon ab, ob Produkte, Glaubwürdigkeit und der Umgang mit der eigenen Geschichte zusammenpassen.
Source: watson.de News