Nikkie Tutorials: Ein Coming-out mit traurigem Hintergrund
Die niederländische Make-up-Künstlerin Nikkie de Jager, Millionen Menschen besser bekannt als Nikkie Tutorials, hat im Januar 2020 öffentlich gemacht, dass sie transgender ist. In einem emotionalen Video mit dem Titel „I am coming out“ sprach die damals 25-Jährige über ihre Identität, ihre Kindheit, ihre Transition und den Grund, warum sie sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit wandte. Die Influencerin hatte sich mit Make-up-Tutorials eine der erfolgreichsten Beauty-Präsenzen im Netz aufgebaut und zählte zu diesem Zeitpunkt 12,7 Millionen Abonnenten. Ihr Coming-out war kein PR-Manöver, sondern die Reaktion auf eine Erpressung: Mehrere Personen drohten damit, ihre Geschichte gegen ihren Willen zu veröffentlichen. Nikkie de Jager entschied sich, selbst die Kontrolle über ihre Erzählung zu übernehmen.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Nikkie de Jager ist als Nikkie Tutorials bekannt und arbeitet als Make-up-Künstlerin und Influencerin.
- Zum Zeitpunkt ihres Coming-outs war sie 25 Jahre alt und hatte 12,7 Millionen Abonnenten.
- In dem Video „I am coming out“ erklärte sie, im falschen Körper geboren worden zu sein und transgender zu sein.
- Sie habe bereits früh gemerkt, dass sie ein Mädchen ist; ihre Mutter habe sie unterstützt.
- In der Schule wurde sie nach eigenen Angaben von manchen Kindern gemobbt.
- Mit 14 Jahren begann sie eine Hormontherapie, mit 19 folgte eine geschlechtsangleichende Operation.
- Zu diesem Zeitpunkt produzierte sie bereits Videos und baute ihre Karriere als Influencerin auf.
- Sie hatte bereits mit Kim Kardashian und Lady Gaga zusammengearbeitet.
- Mehrere Menschen erpressten sie und drohten, ihre Geschichte zu veröffentlichen.
- Ihr Verlobter Dylan wusste nicht von Anfang an Bescheid, unterstützt sie aber.
- Zahlreiche Prominente und YouTuber reagierten auf ihr Coming-out, darunter Ariana Grande und Marc Jacobs.
Ein emotionales Video und eine klare Botschaft
Das Video, in dem sich Nikkie Tutorials als transgender outete, dauert knapp 18 Minuten und trägt einen ebenso schlichten wie eindeutigen Titel: „I am coming out“. Darin sagt sie, es sei ein neues Jahr, 2020, und sie wolle dieses Jahr mit der Wahrheit beginnen. Es sei an der Zeit, loszulassen und endlich wirklich frei zu sein. Sie wurde nach eigenen Worten im falschen Körper geboren, was bedeute, dass sie transgender sei. Diese Sätze richtete sie direkt an ihre Millionen Abonnenten, ohne Umwege und ohne juristische Vorbereitung. Der Ton des Videos war persönlich, verletzlich und zugleich entschlossen. Nikkie de Jager sprach nicht über eine abstrakte Debatte, sondern über ihr eigenes Leben. Sie erklärte, warum sie sich lange nicht wohlgefühlt habe, warum sie bestimmte Erwartungen an sich nicht erfüllen konnte und warum sie nun den Schritt in die Öffentlichkeit wage. Für viele Zuschauer war es das erste Mal, dass sie die Make-up-Künstlerin nicht nur als Expertin für Schönheit erlebten, sondern als Menschen, der einen langen und schwierigen Weg hinter sich hatte.
Kindheit, Familie und das Gefühl, im falschen Körper zu leben
Nikkie de Jager wurde mit dem bei der Geburt als männlich zugewiesenen Geschlecht geboren. Schon sehr früh habe sie jedoch gemerkt, dass sie ein Mädchen ist. In dem Video beschreibt sie, dass sie nicht verstehen konnte, warum sie kurze Haare tragen musste, Hosen und T-Shirts statt Kleider. Sie spielte mit Puppen, lackierte sich die Nägel und experimentierte mit falschen Haaren. Alles an ihr sei mädchenhaft gewesen, sagte sie. Ihre Mutter habe früh bemerkt, dass ihre Tochter sich in ihrem Körper nicht wohlfühlte. Rückblickend erklärte de Jager, ihre Mutter habe sofort gewusst, dass sie entweder schwul sein würde oder eben etwas anderes. Und es sei tatsächlich etwas anderes gewesen. Dass ihre Mutter sie nie verurteilt habe, habe ihr sehr geholfen. Sie betonte, genau das brauche ein Kind: Eltern, die verstehen und zuhören. Diese Unterstützung war offenbar ein wichtiger Grund dafür, dass sie ihren Weg vergleichsweise früh gehen konnte. Mit sechs Jahren ließ sie sich die Haare länger wachsen. Die Lehrer in ihrer Schule unterstützten sie, dennoch wurde sie von manchen Kindern gemobbt. Diese Erfahrung zeigt, wie stark gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder bereits im Kindesalter wirken können.
Hormontherapie, Operation und eine bemerkenswerte Karriere
Mit 14 Jahren begann Nikkie de Jager eine Hormontherapie, die ihr schnelles Wachstum stoppte. Mit 19 Jahren folgte eine geschlechtsangleichende Operation. Zu diesem Zeitpunkt produzierte sie bereits Videos und hatte begonnen, sich im Netz eine Fangemeinde aufzubauen. Die medizinischen Schritte waren für sie offenbar Teil eines längeren Prozesses, den sie nicht öffentlich dokumentierte, sondern zunächst für sich behielt. Parallel entwickelte sie sich zu einer der bekanntesten Make-up-Künstlerinnen im Netz. Ihre Tutorials zeichneten sich durch hohe Kunstfertigkeit, Humor und eine große Nähe zu ihren Zuschauern aus. Sie zeigte nicht nur, wie man Produkte aufträgt, sondern schuf aufwendige Looks, erklärte Techniken und nahm ihr Publikum mit in ihren Alltag. Im Laufe der Jahre arbeitete sie mit internationalen Stars zusammen, darunter Kim Kardashian und Lady Gaga. Diese Kooperationen machten deutlich, wie weit ihre Reichweite über die Beauty-Nische hinausreichte. Dennoch blieb ein Teil ihrer Biografie jahrelang privat. Das Coming-out im Januar 2020 veränderte diese Trennung zwischen öffentlicher Karriere und persönlicher Geschichte.
Warum das Coming-out erst jetzt kam
Die erfolgreiche Unternehmerin habe immer gewusst, dass sie ihre Geschichte irgendwann erzählen würde, berichtete sie in dem Video. Dass der Zeitpunkt nun gekommen war, hatte jedoch einen unschönen Grund. Mehrere Menschen erpressten sie und drohten damit, ihre Geschichte zu veröffentlichen. Wer genau hinter der Erpressung steckte, verriet sie nicht. Die Erpresser argumentierten nach ihren Angaben, sie wolle es veröffentlichen, weil Nikkie de Jager angeblich lüge oder nicht die Wahrheit sage. Sie habe zu viel Angst davor gehabt, den Leuten zu erzählen, wer sie wirklich sei. Diese Behauptung wies sie entschieden zurück. In dem Video betonte sie, sie habe keine Angst. Sie wolle selbst bestimmen, wann, wie und in welchem Rahmen sie über ihre Identität spricht. Das ist ein zentraler Unterschied zwischen einem selbstbestimmten Coming-out und einem fremdbestimmten Outing. Ein Coming-out kann befreiend sein, wenn die betroffene Person den Zeitpunkt wählt. Ein Outing gegen den Willen der Person ist dagegen ein Eingriff in die Privatsphäre und kann erhebliche psychische und soziale Folgen haben. Im Fall von Nikkie de Jager wurde aus einer drohenden Enthüllung eine bewusste Entscheidung: Sie nahm den Erpressern die Möglichkeit, ihre Geschichte zu kontrollieren, indem sie sie selbst erzählte.
Erpressung, Privatsphäre und die Verantwortung der Öffentlichkeit
Der Fall macht sichtbar, wie verletzlich öffentliche Personen trotz großer Reichweite sein können. Nikkie de Jager hatte jahrelang über Make-up und Schönheit gesprochen, aber nicht über ihre Geschlechtsidentität. Diese Entscheidung war ihr gutes Recht. Die Erpressung griff genau diese Grenze an. Wer damit droht, private Informationen zu veröffentlichen, nutzt die Angst vor Ablehnung, vor beruflichen Konsequenzen und vor öffentlicher Debatte aus. Dabei geht es nicht um Transparenz oder um ein berechtigtes öffentliches Interesse, sondern um Kontrolle und Druck. Die Geschichte zeigt auch, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit dem Thema Transgender ist. Transgender ist ein Oberbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Die Wege, die Menschen dabei gehen, sind sehr unterschiedlich. Manche unterziehen sich medizinischen Behandlungen, andere nicht. Manche sprechen früh über ihre Identität, andere später oder nie öffentlich. Nikkie de Jager entschied sich für ein öffentliches Coming-out, weil sie dazu gedrängt wurde. Sie machte aber deutlich, dass die Entscheidung, über die eigene Identität zu sprechen, bei der betroffenen Person liegen sollte. Für Medien und Öffentlichkeit bedeutet das, nicht über Menschen hinweg zu berichten und private Informationen nicht als Sensation zu behandeln.
Reaktionen aus der Promi-Welt und die Bedeutung für Trans-Sichtbarkeit
Nikkie de Jagers Coming-out löste große Aufmerksamkeit aus. Zahlreiche andere YouTuber und Prominente kommentierten ihren Instagram-Beitrag, darunter Ariana Grande und der Designer Marc Jacobs. Die Reaktionen waren überwiegend unterstützend. Für viele Fans war es bemerkenswert, dass eine so bekannte Influencerin offen über ihre Geschichte sprach. Sichtbarkeit kann für transgender Menschen wichtig sein, weil sie zeigt, dass sie in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten sind, auch in der Unterhaltungsbranche. Zugleich ist Sichtbarkeit kein Ersatz für Schutz. Wer öffentlich über seine Identität spricht, wird oft mit Kommentaren, Fragen und teils auch Anfeindungen konfrontiert. Nikkie de Jager hatte bereits vor ihrem Coming-out Erfahrungen mit Mobbing gemacht. Ihr Fall zeigt, dass Unterstützung im persönlichen Umfeld eine große Rolle spielt. Ihre Mutter habe sie früh verstanden, und ihr Verlobter Dylan stehe heute hinter ihr. Dylan habe zunächst nicht von Anfang an über ihre Geschichte Bescheid gewusst, unterstütze sie aber. Diese Details machten das Video für viele Zuschauer nahbar. Es ging nicht um eine perfekte Inszenierung, sondern um einen Menschen, der nach Jahren des öffentlichen Lebens einen privaten Teil seiner Biografie teilt. Dass sie dazu gezwungen wurde, macht die Geschichte traurig. Dass sie sich dennoch selbst äußerte, verleiht ihr eine besondere Klarheit. In dem Video sagte sie, sie habe keine Angst davor, die Wahrheit zu erzählen.
Source: stern.de News