Die Oscarverleihung hätte für Timothée Chalamet ein Triumphabend werden können. Stattdessen wurde sie zur Bühne einer Debatte, die Monate zuvor begonnen hatte – und in der ausgerechnet Misty Copeland die vielleicht eleganteste Antwort gab. Der Schauspieler hatte mit abfälligen Sätzen über Ballett und Oper für Empörung gesorgt. Die Balletttänzerin widersprach zunächst mit Argumenten. Dann folgte ein Auftritt, der wie eine späte Retourkutsche wirkte: Copeland stand bei den Oscars im Ensemble eines Songs aus einem Konkurrenzfilm von Chalamet auf der Bühne.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Timothée Chalamet sagte im Februar in einem Gespräch mit Matthew McConaughey, er wolle nicht bei Ballett oder Oper arbeiten. Beide Kunstformen seien für ihn Bereiche, die niemand mehr interessiere.
- Misty Copeland widersprach öffentlich: Oper und Ballett existierten seit mehr als 400 Jahren und hätten Chalamets Karriere als Filmstar überhaupt erst ermöglicht.
- Copeland hatte Monate zuvor auf Bitte Chalamets Promo für „Marty Supreme“ gemacht.
- Bei den Oscars trat sie mit „I Lied To You“ aus „Blood & Sinners“ auf – einem Konkurrenzfilm.
- „Marty Supreme“ gewann keinen Oscar; Chalamet ging leer aus. Die Stimmabgabe war bereits abgelaufen, als die Kontroverse größere Kreise zog.
Der Auslöser: Chalamets Ballett- und Opernschelte
Auslöser war ein Gespräch, das Chalamet im Februar mit Matthew McConaughey führte. Darin sagte der Schauspieler, er möchte nicht beim Ballett oder an der Oper arbeiten. Er spottete zudem über Bereiche, in denen es heiße, man solle „diese Sache am Leben erhalten“, obwohl sich niemand mehr dafür interessiere. Der Auftritt war keine beiläufige Bemerkung, sondern eine bewusst zugespitzte Abwertung zweier Kunstformen, die seit Jahrhunderten zum kulturellen Fundament gehören.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Opernhäuser, Ballettfans, Schauspielerinnen und Tänzer protestierten. Videos und Beiträge wurden zehntausendfach geteilt und geliked. Schnell kursierten wütende Prognosen, Chalamet habe mit dieser Aussage alle Chancen auf einen Oscar zunichtegemacht. Ob diese Rechnung aufging, ist eine andere Frage. Die öffentliche Empörung war jedoch groß genug, um den Schauspieler über Wochen zu begleiten.
Misty Copeland antwortet mit Argumenten
Misty Copeland, eine der bekanntesten Balletttänzerinnen der Gegenwart, gehörte zu denen, die sich Chalamets Darstellung entgegenstellten. Sie tat es nicht mit Polemik, sondern mit einem Hinweis auf die Geschichte und Wirkung ihrer Kunstform. Es gebe einen Grund, warum Oper und Ballett seit mehr als 400 Jahren existierten, sagte sie bei einer Podiumsdiskussion. Chalamet wäre kein Schauspieler und hätte nicht die Möglichkeiten, die er als Filmstar habe, wenn es Oper und Ballett und deren Bedeutung nicht gäbe.
Copeland betonte zugleich, dass sie die Medien nicht gegeneinander ausspielen wolle. Alle diese Formen hätten ihren Platz. Ballett sei zwar nicht so populär wie der Film, das bedeute aber nicht, dass es keine dauerhafte kulturelle Relevanz besitze. Damit traf sie einen empfindlichen Punkt: Chalamet hatte Popularität mit Relevanz verwechselt. Gerade Oper und Ballett leben von Tradition, Wiederholung und einem Publikum, das nicht in Einschaltquoten oder Kinokassen gemessen werden muss.
Copeland kennt diese Debatte aus eigener Erfahrung. Sie gilt als eine der profiliertesten Vertreterinnen des klassischen Tanzes und hat sich wiederholt für Diversität und Öffnung im Ballett eingesetzt. Ihre Karriere zeigt, dass Ballett nicht in einem musealen Raum steht, sondern Gesellschaft spiegelt, verändert und herausfordert. Insofern war ihre Antwort auf Chalamet keine Verteidigung eines veralteten Betriebs, sondern die Verteidigung einer lebendigen Kunstform.
Die irritierende Vorgeschichte: Promo für „Marty Supreme“
Besonders pikant wurde die Sache durch eine Vorgeschichte, die Copeland offenbar irritierte. Chalamet hatte sie einige Monate zuvor um Promo für seinen aktuellen Film „Marty Supreme“ gebeten. Copeland kam diesem Wunsch Ende 2025 nach. Sie postete ein Foto von sich in einer Bomberjacke mit „Marty Supreme“-Aufdruck sowie eine Aufnahme, die sie als Kind beim Tanztraining zeigte. Auf dem Foto war ein Slogan des Films zu sehen: „Dream Big“.
Das Posting wurde auch auf dem offiziellen Social-Media-Kanal des Films veröffentlicht. Es reihte sich in eine Serie von Beiträgen mit berühmten Sportlern ein, die mit ihren Erfolgsgeschichten für Chalamets Tischtennisfilm warben. Copeland, die als Balletttänzerin nicht zum klassischen Sportlerensemble gehört, passte in dieses Muster: Ihr Werdegang steht für Disziplin, Ausdauer und den Glauben an große Ziele. Umso befremdlicher musste es wirken, dass Chalamet wenig später genau die Kunstform abwertete, für die Copeland steht.
Die Ironie liegt auf der Hand. Copeland hatte ihre Reichweite und ihre Glaubwürdigkeit genutzt, um einem Film zu helfen, dessen Hauptdarsteller Ballett und Oper öffentlich als überflüssig darstellte. Sie tat es, ohne öffentlich zu murren. Ihre Antwort kam später – und sie kam auf eine Weise, die im kulturellen Betrieb mehr Wirkung entfaltete als ein wütender Kommentar.
Die Bühne als Antwort: Copeland bei den Oscars
Die zweite Retourkutsche folgte im Dolby Theatre in Hollywood, live während der Oscarverleihung. Copeland war Teil des Ensembles, das den Filmsong „I Lied To You“ aufführte. Das Lied war in der Kategorie „Bester Song“ nominiert und stammte aus „Blood & Sinners“, einem Konkurrenzfilm zu Chalamets „Marty Supreme“. Der Horrorfilm wurde in 16 Kategorien nominiert, „Marty Supreme“ stand für neun Oscars auf der Liste.
Der Auftritt war mehr als ein musikalischer Programmpunkt. Er ehrte die Musik schwarzer Künstlerinnen und Künstler und verband Bühnenpräsenz mit einer klaren kulturellen Aussage. Copeland, die als Balletttänzerin zu den profiliertesten Stimmen des Abends gehörte, stand damit plötzlich im Zentrum eines Wettbewerbs, in dem Chalamet als Nominierter für den Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ im Saal saß. Er war gut sichtbar in der ersten Reihe platziert.
Berichten zufolge ließ Chalamet nicht erkennen, ob ihn Copelands Wechsel zur Konkurrenzpromo erstaunte. Als sich der Saal nach der Performance zum Applaus erhob, sei auch Chalamet aufgestanden. Es war eine höfliche Geste in einem Moment, in dem die symbolische Botschaft kaum zu übersehen war: Die Balletttänzerin, die er implizit abgewertet hatte, stand auf der Oscar-Bühne – und der Film, für den sie zuvor geworben hatte, ging am Ende leer aus.
Conan O’Brien und die Stimmung im Saal
Auch Moderator Conan O’Brien griff die Debatte auf. Gleich zu Beginn der Veranstaltung kommentierte er die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die für die Stars eingerichtet worden waren. Dann feixte er in Chalamets Richtung, er habe gehört, dass Bedenken wegen möglicher Anschläge bestünden – und zwar aus der Opern- und Ballettszene. Die seien einfach sauer, dass Chalamet den Jazz ausgelassen habe.
Der Witz war pointiert, weil er die Absurdität der Situation auf den Punkt brachte: Eine weltweit geführte Debatte über Kunstformen, Publikum und Relevanz war bei den Oscars zu einem Running Gag geworden. Chalamet schloss sich dem lauten Gelächter im Publikum an. Seine Partnerin, die Unternehmerin Kylie Jenner, schaute laut Berichten etwas pikiert. Ob die Mimik mehr über die Stimmung im Saal verriet als das Lachen, blieb offen.
Ein Abend ohne Trophäen – und ohne einfache Kausalität
Im Laufe des Abends dürfte Chalamet das Lachen dann doch vergangen sein. Die Academy vergab keinen Oscar an „Marty Supreme“. Auch Chalamet ging mit leeren Händen nach Hause. Für die Schlagzeilen war die Rechnung schnell gemacht: Der Schauspieler hatte Ballett und Oper verhöhnt, nun rächte sich die Kulturszene. Doch so einfach ist es nicht.
Die Deadline für die Stimmabgabe der Jury war bereits abgelaufen, als Chalamets Lästerei größere Kreise zog. Die Niederlage lässt sich therefore nicht ursächlich auf die Empörung zurückführen. Was bleibt, ist eine symbolische Verschiebung: Ein öffentlich geäußerter Affront gegen zwei traditionsreiche Kunstformen traf auf eine Gemeinschaft, die sich nicht auf das Feld der Kinokassen begeben musste. Copeland lieferte die passende Antwort, ohne die Oscar-Bühne für eine private Abrechnung zu missbrauchen.
Warum die Debatte über Ballett und Oper weiterreicht
Die Auseinandersetzung berührt eine größere Frage: Wie wird kulturelle Relevanz gemessen? Chalamet argumentierte aus der Perspektive eines Filmstars, dessen Medium globale Reichweite besitzt. Copeland argumentierte aus der Perspektive einer Kunstform, die seit Jahrhunderten Institutionen, Ausbildungswege und ein eigenes Publikum hervorgebracht hat. Beide Perspektiven sind nicht deckungsgleich. Aber nur eine von ihnen maß sich an, die andere abzuwerten.
Oper und Ballett kämpfen vielerorts mit Finanzierung, Nachwuchs und Publikumsbindung. Das macht sie jedoch nicht bedeutungslos. Gerade in Zeiten, in denen kulturelle Angebote unter Druck stehen, ist die Frage wichtig, wer welche Kunstform als erhaltenswert definiert. Copelands Antwort war deshalb mehr als eine Verteidigung ihres Berufs. Sie war ein Hinweis darauf, dass Popularität kein alleiniger Maßstab für kulturellen Wert sein kann.
Für Chalamet bleibt der Oscarabend eine Zäsur: kein Preis für „Marty Supreme“, kein Hauptdarsteller-Oscar, dafür eine Debatte, die ihn weiter begleiten wird. Für Copeland bleibt ein Auftritt, der ohne große Geste auskam und doch eine klare Botschaft sendete. Die Balletttänzerin musste nicht gegen den Schauspieler polemisieren. Sie stand einfach auf der Bühne – und ließ die Kunst für sich sprechen.
Source: Spiegel News