Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika rückt näher, und die Schlagzeilen werden von dramatischen Entwicklungen, politischen Verwicklungen und emotionalen Geschichten bestimmt. Das Turnier, das vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet, verspricht nicht nur sportliche Höhepunkte, sondern auch eine Reihe von Kontroversen und Herausforderungen, die die Weltmeisterschaft zu einem der meistdiskutierten Ereignisse des Jahres machen.
Joshua Kimmich: „Was ich niemals tun werde, ist aufgeben“
Der deutsche Nationalspieler Joshua Kimmich hat nach dem dritten Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft bei einer WM Spekulationen über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft eine klare Absage erteilt. „Was ich niemals tun werde, ist aufgeben“, sagte der 31-jährige Kapitän nach der ernüchternden Niederlage gegen Paraguay, die das Aus in der Gruppenphase besiegelte. Kimmich, der seit 2016 für die Nationalelf spielt und 2014 noch nicht im Kader stand, hat alle drei Weltmeisterschaften, an denen er teilnahm, als Enttäuschung erlebt: 2018 in Russland schied Deutschland bereits in der Vorrunde aus, 2022 in Katar folgte das gleiche Schicksal, und nun in Nordamerika wiederholt sich die Geschichte. Trotz der Kritik an der Mannschaft und an seiner eigenen Leistung betont Kimmich, dass er weiterhin für Deutschland spielen will. „Ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Team und den Fans. Wir müssen aus diesen Rückschlägen lernen und uns neu aufstellen“, erklärte er. Der defensive Mittelfeldspieler, der auch als Rechtsverteidiger eingesetzt werden kann, ist einer der erfahrensten Spieler im Kader und hat in 85 Länderspielen sechs Tore erzielt. Sein Durchhaltevermögen wird in der deutschen Fußballszene kontrovers diskutiert: Während einige Experten einen Generationswechsel fordern, sehen andere in Kimmich eine Führungsfigur, die das Team durch eine schwierige Phase führen kann.
Morddrohungen gegen Südkoreas Trainer Hong Myung-bo
Nach dem vorzeitigen Aus Südkoreas bei der WM 2026 hat sich die Lage um Trainer Hong Myung-bo dramatisch zugespitzt. Der 57-Jährige sieht sich massiven Drohungen im Internet ausgesetzt, die bis zu Mordaufrufen reichen. Nach dem enttäuschenden Vorrundenaus kursierten in sozialen Netzwerken und auf koreanischen Fanforen Hasskommentare und konkrete Gewaltandrohungen. Die südkoreanischen Behörden haben daraufhin reagiert: Am Flughafen Incheon in Seoul sind 160 Polizisten im Einsatz, um Hong bei seiner Rückkehr aus den USA zu schützen. Die Sicherheitskräfte wurden verstärkt, und es gilt ein erhöhtes Schutzprotokoll. Hong Myung-bo, der 2014 selbst als Spieler bei einer WM dabei war und den südkoreanischen Fußball durch seine Arbeit als Trainer geprägt hat, zeigte sich bestürzt über die Reaktionen. „Ich verstehe die Enttäuschung der Fans, aber solche Drohungen sind inakzeptabel. Fußball sollte verbinden, nicht spalten“, sagte er in einer kurzen Stellungnahme vor seiner Abreise. Die südkoreanische Nationalmannschaft hatte nach einer schwachen Gruppenphase mit nur einem Unentschieden und zwei Niederlagen die Koffer packen müssen. Die schlechte Leistung löste eine Welle der Wut aus, die nun in Gewaltphantasien mündet. Die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet und prüft rechtliche Schritte gegen die Urheber der Drohungen.
Tschechiens Trainer Miroslav Koubek tritt zurück – Anschuldigungen gegen Presse
Ein weiterer Trainer musste nach dem WM-Aus seinen Hut nehmen: Miroslav Koubek, der tschechische Nationalcoach, erklärte seinen sofortigen Rücktritt. Der 73-jährige Routinier, der das Team durch die Qualifikation geführt hatte, scheiterte mit Tschechien bereits in der Vorrunde. In einer emotionalen Pressekonferenz warf Koubek der heimischen Presse eine „Kampagne aus Halbwahrheiten und Erfindungen“ vor. Er kritisierte die Medien scharf für eine seiner Meinung nach unfaire Berichterstattung, die das Team während des Turniers zusätzlich unter Druck gesetzt habe. „Ich habe mich immer mit Leidenschaft für den tschechischen Fußball eingesetzt, aber die ständigen Angriffe und Falschdarstellungen haben mir und der Mannschaft geschadet“, sagte Koubek. Der Tschechische Fußballverband (FAČR) nahm den Rücktritt an und bedankte sich bei Koubek für seine Arbeit. Die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits. Koubek hatte die Nationalmannschaft seit 2023 trainiert und zuvor mehrere Vereine in Tschechien und im Ausland betreut. Sein Abgang wirft ein Schlaglicht auf die oft angespannte Beziehung zwischen Trainern und Medien in Ländern mit hohem Erwartungsdruck.
Sicherheitsbedenken und politische Spannungen überschatten die WM
Die Sicherheitslage in Mexiko sorgt weiterhin für Unruhe. Nur wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel wurden fünf Polizisten im westlichen Bundesstaat Michoacán bei einem Angriff von Unbekannten getötet. Die Beamten wurden auf einer Patrouille von schwer bewaffneten Tätern überfallen, die dem Drogenkartell „Jalisco Neue Generation“ zugeschrieben werden. Die mexikanischen Behörden haben eine groß angelegte Fahndungsaktion gestartet. Die Regierung versichert jedoch, dass die Sicherheit der Fußballfans nicht gefährdet sei. Die WM-Austragungsorte Mexiko-Stadt und Guadalajara liegen rund 300 Kilometer vom Tatort entfernt. Dennoch bleiben viele Reisende verunsichert. Auch in den USA gibt es Sicherheitsbedenken: Ein Buschbrand in Kalifornien bedrohte kurzzeitig das Teamhotel der Schweizer Nationalmannschaft in San Diego. Das Feuer konnte jedoch unter Kontrolle gebracht werden, und die Spieler trainierten normal weiter. Die Schweizer mussten zeitweise eine Evakuierung in Betracht ziehen, blieben aber verschont. Ein Teamsprecher lobte die gute Kommunikation mit den örtlichen Behörden. Die politische Lage verschärft zusätzlich die Stimmung. US-Präsident Donald Trump plant Medienberichten zufolge keinen Besuch des Eröffnungsspiels der USA gegen Paraguay. Stattdessen wird Außenminister Marco Rubio die Delegation anführen. Die Entscheidung wird als politisches Signal gewertet, da Trump sich im Wahlkampf befindet und das Turnier nicht für seine Zwecke instrumentalisieren möchte, so zumindest die offizielle Lesart. Experten vermuten jedoch, dass Trump die Nähe zu den kritischen Stimmen scheut, die die WM in den USA als Propagandainstrument für seine Politik betrachten. Der Luzerner Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger rief sogar zum Boykott des Turniers auf, da Trump die Veranstaltung für seine Wiederwahl nutzen werde. Er kritisierte auch FIFA-Präsident Gianni Infantino dafür, dass er Trump den FIFA-Friedenspreis verliehen habe.
Probleme mit Einreisebestimmungen: Somalia-Schiedsrichter abgewiesen, Iran-Fans ohne Tickets
Die strengen Einreisebestimmungen der USA unter Trump sorgen für weitere Komplikationen. Der somalische Schiedsrichter Omar Artan, der als erster Somalier bei einer WM pfeifen sollte, wurde an der Grenze in Miami abgewiesen. Die US-Grenzschutzbehörde CBP begründete dies mit „Bedenken im Rahmen der Sicherheitsüberprüfung“ wegen angeblicher Verbindungen zu terroristischen Organisationen. Artan, der 2025 als Afrikas bester Schiedsrichter ausgezeichnet wurde, wäre der erste somalische Referee bei einer Weltmeisterschaft gewesen. Die somalische Regierung protestierte gegen die Entscheidung, und die FIFA hat nach eigenen Angaben Kontakt zu den US-Behörden aufgenommen, um eine Lösung zu finden. Auch der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde bei der Einreise stundenlang befragt, durfte dann aber doch bleiben. Die Visa-Praxis der USA trifft besonders Länder, die auf Trumps Reiseverbotsliste stehen. Der Iran hat wegen des militärischen Konflikts mit den USA besondere Schwierigkeiten: Der iranische Verband FFI teilte mit, dass Fans keine WM-Tickets erhalten könnten, da die US-Behörden die Anwesenheit iranischer Anhänger verhinderten. Die iranische Nationalmannschaft hat ihr Quartier von Arizona nach Tijuana in Mexiko verlegt, da viele Funktionäre kein US-Visum bekommen. Die FIFA sicherte dem Iran Unterstützung zu, um eine reibungslose Teilnahme zu gewährleisten.
Sportliche Höhepunkte und Verletzungssorgen
Trotz aller Nebengeräusche steht der Sport im Mittelpunkt. Brasilien bangt um den Einsatz von Superstar Neymar, der mit einer Wadenverletzung zu kämpfen hat. Eine MRT-Untersuchung zeigte gute Fortschritte, aber ein Einsatz im ersten Gruppenspiel gegen Marokko gilt als unwahrscheinlich. Der 34-Jährige hat seit Oktober 2023 kein Länderspiel mehr bestritten. Trainer Carlo Ancelotti setzt auf die Offensivkräfte Vinícius Júnior und Raphinha. In den Niederlanden sorgt Goalie Bart Verbruggen mit einer Hüftverletzung für Sorgen. Der 23-Jährige musste im letzten Testspiel gegen Usbekistan ausgewechselt werden. Sein Ausfall könnte die niederländische Defensive schwächen. Europameister Spanien zeigte sich in einem Testspiel gegen Peru in guter Form und gewann 3:1, wobei die Stars Lamine Yamal und Nico Williams geschont wurden. Yamal selbst sorgte mit einer kuriosen Geschichte für Schlagzeilen: Er gab zu, dass seine berühmte Handbandage von einer Verletzung beim Playstationspielen herrührt. Er schlug aus Wut gegen den Fernseher und verletzte sich. Den Verband trägt er als Hommage an Karim Benzema. Spanien trifft im ersten Spiel auf Kap Verde.
Fan-Kommerz und emotionale Momente
Die FIFA hat ein neues Geschäftsmodell eingeführt: Fans können für 79 US-Dollar einen sogenannten „Super Shoutout“ auf den Stadion-Anzeigetafeln buchen. Die Botschaft darf maximal 30 Zeichen umfassen und wird vor dem Spiel eingeblendet. Die FIFA behält sich das Recht vor, unangemessene Inhalte abzulehnen. Der Preis sorgt für Kritik, denn viele Fans sehen darin eine Kommerzialisierung des Fan-Erlebnisses. Auf der emotionalen Seite steht die Geschichte von Diogo Jota, dem portugiesischen Nationalspieler, der vor einem Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seine Witwe Rute Cardoso schrieb einen bewegenden Brief an Andy Robertson, den schottischen Kapitän und Freund Jotas. Sie ermutigte Robertson, den Traum von der WM für beide zu leben. Robertson, der sich mit Schottland für das Turnier qualifizierte, zeigte sich tief gerührt. Er versprach, Jotas Andenken auf dem Platz zu ehren.
Die WM 2026 in Nordamerika ist mehr als nur ein Sportereignis – sie ist ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit. Von Morddrohungen gegen Trainer über ethnische Spannungen bei der Einreise bis hin zu persönlichen Tragödien: Das Turnier startet mit einer Fülle von Geschichten, die weit über das Spiel hinausgehen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Fußball die Kraft hat, diese Herausforderungen zu überwinden und die Menschen zu vereinen.
Source: Tages-Anzeiger News