Lily Gladstone könnte Geschichte schreiben: Die 38-jährige Schauspielerin ist die erste indigene Amerikanerin, die für einen Oscar in der Kategorie beste Hauptdarstellerin nominiert wurde. Ihre Rolle als Mollie Burkhart in Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon“ hat sie über Nacht zum Star gemacht. Doch Gladstone geht es nicht um Ruhm, sondern um Repräsentation.
Eine bewegende Performance
In dem epischen True-Crime-Western spielt Gladstone eine Osage-Frau, deren Familie in den 1920er-Jahren von weißen Siedlern ermordet wird. Ihre stille, aber intensive Darstellung trägt den gesamten Film. Kritiker loben ihre Fähigkeit, mit minimalen Gesten maximale Emotionen zu vermitteln. Neben Leonardo DiCaprio und Robert De Niro wirkt sie nicht wie eine Nebendarstellerin, sondern wie das emotionale Zentrum.
Kindheit im Reservat
Gladstone wuchs im Blackfeet-Reservat in Montana auf. Ihre Mutter ist weiß, ihr Vater gehört den Stämmen der Blackfoot und Nez Percé an. Als Urenkelin von Häuptling Red Crow ist sie in der indigenen Gemeinschaft verwurzelt. Die frühe Kindheit war geprägt von Naturverbundenheit und einfachen Verhältnissen. Mit fünf Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Schauspielerei durch die „Star Wars“-Ewoks.
Kulturschock und frühe Diskriminierung
Als die Familie nach Seattle zog, erlebte Gladstone einen Kulturschock. Plötzlich war sie mit materiellen Werten und rassistischen Stereotypen konfrontiert. Mitschüler fragten sie, ob sie „mit den Farben des Windes malen“ könne – eine Anspielung auf den Disney-Film „Pocahontas“. Diese Erfahrungen prägten ihr Bewusstsein für die Unsichtbarkeit indigener Menschen in den Medien.
Aktivistisches Schauspiel
Gladstone studierte Schauspiel in Montana, nicht in New York oder Los Angeles. Sie arbeitete sieben Jahre lang für ein Bildungsprojekt, das die Geschichte der indigenen Bevölkerung an Schulen vermittelte. Als Ein-Frau-Show tourte sie durch die USA und spielte Monologe von Überlebenden der sogenannten Boarding Schools, in denen indigene Kinder zwangsassimiliert wurden. Für sie ist Schauspielerei nie nur Beruf, sondern immer auch Aktivismus.
Der Durchbruch
Erst 2016 machte sie mit Kelly Reichardts „Certain Women“ auf sich aufmerksam. Kurz darauf kontaktierte Martin Scorsese sie für „Killers of the Flower Moon“. Gladstone zögerte zunächst, weil sie nur Rollen annehmen wollte, die der indigenen Gemeinschaft nützen. Sie hatte schlechte Erfahrungen mit Hollywood gemacht: Casting-Direktoren sagten ihr, sie sehe „nicht indianisch genug“ aus, und forderten sie auf, mit gebrochenem Englisch zu sprechen.
Die Bedeutung der Nominierung
Ihre Oscar-Nominierung ist ein Meilenstein für Native Americans in der Filmindustrie. Gladstone selbst bleibt bescheiden: „Ich bin wir“, sagt sie. Sie sehe ihre Rolle nicht als individuellen Erfolg, sondern als Teil einer größeren Bewegung. In Interviews lenkt sie das Gespräch konsequent auf die 574 anerkannten Stämme der First Nations. Sie lebt aus dem Koffer, hat seit Jahren keinen festen Wohnsitz und reist mit ihrem Hund von Interview zu Interview.
Der Coyote als Symbol
Im Film nennt Mollie ihren weißen Ehemann Ernest einen „Coyoten“. In der indigenen Mythologie ist der Coyote ein Trickster – charmant, aber unehrlich. Gladstone erklärt, dass diese Figur oft für Weiße steht, die am Ende immer verlieren. Es ist eine subtile, aber kraftvolle Botschaft, die sie in ihre Darstellung einfließen ließ.
Lily Gladstone hat nicht nur eine Oscar-Nominierung errungen, sondern auch eine Tür für nachfolgende Generationen indigener Schauspielerinnen geöffnet. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie Talent, Beharrlichkeit und ein klares Bekenntnis zur eigenen Identität die Filmwelt verändern können.
Source: Neue Zürcher Zeitung News