Zweitägiger Besuch Modis in Oslo: Indien und Norwegen vereinbaren 'grüne strategische Partnerschaft'
Key Facts
- Indien und Norwegen haben eine "grüne strategische Partnerschaft" vereinbart.
- Die beiden Länder wollen gemeinsam die Energiewende und nachhaltige Entwicklung vorantreiben.
- Indiens Premierminister Narendra Modi hielt sich vom 17. bis 18. Mai 2026 zu einem zweitägigen Besuch in Oslo auf.
- Es ist der erste Besuch eines indischen Premiers in Norwegen seit Indira Gandhi im Jahr 1983.
- Die Partnerschaft umfasst Bereiche wie saubere Energie, Klimaresilienz, blaue Wirtschaft und grüne Schifffahrt.
- Norwegen ist der größte Öl- und Gasproduzent Europas (außer Russland), bezieht aber fast seinen gesamten Strom aus erneuerbaren Quellen.
- Indien ist stark vom Iran-Krieg betroffen und will den Ausbau von Windenergie und Stromspeichern beschleunigen.
Indiens Premierminister Narendra Modi hat bei seinem zweitägigen Besuch in Norwegens Hauptstadt Oslo eine wegweisende Vereinbarung getroffen. Am Montag gaben beide Seiten bekannt, eine "grüne strategische Partnerschaft" zu schließen, die die Zusammenarbeit in der Energiewende und nachhaltigen Entwicklung mithilfe moderner Technologien vertiefen soll. Diese Partnerschaft ist ein bedeutender Schritt für beide Länder, die vor unterschiedlichen energiepolitischen Herausforderungen stehen.
Die Ankündigung erfolgte vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage: Indien ist als drittgrößter Ölimporteur weltweit stark von den Folgen des Iran-Kriegs betroffen. Rund die Hälfte seiner Ölimporte stammt aus der Golfregion. Gleichzeitig erzeugt Indien noch immer 73 Prozent seines Stroms mit Kohle. Die Regierung in Neu Delhi hat bereits angekündigt, den Ausbau der Windenergie sowie von Stromspeichern zu beschleunigen. Norwegen hingegen bezieht fast seinen gesamten Strom aus erneuerbaren Energiequellen, vor allem aus Wasserkraftwerken. Gleichzeitig ist das Land der größte Produzent von Öl und Gas in Europa – abgesehen von Russland. Diese gegensätzliche Position macht die Partnerschaft besonders interessant: Norwegen bringt technologisches Know-how und Kapital mit, während Indien einen riesigen Markt und große Dynamik bietet.
Die "grüne strategische Partnerschaft" ist nicht die erste Vereinbarung dieser Art zwischen einem europäischen und einem asiatischen Land, aber sie ist in ihrem Umfang einmalig. Sie umfasst mehrere Sektoren: Von sauberer Energie bis zur Klimaresilienz, von der blauen Wirtschaft bis zur grünen Schifffahrt. Der Begriff "blaue Wirtschaft" bezeichnet alle wirtschaftlichen Aktivitäten im Zusammenhang mit Ozeanen und Meeren – darunter auch die Öl- und Gasförderung auf See. Modi betonte bei der Unterzeichnung: "Von sauberer Energie bis zur Klimaresilienz, von der blauen Wirtschaft bis hin zur grünen Schifffahrt – in jedem Sektor werden Indiens Größe, Dynamik und Talent mit Norwegens Technologie und Kapital zusammenwirken, und unsere Unternehmen werden globale Lösungen entwickeln." Diese Worte unterstreichen das Potenzial der Partnerschaft, die über reine Handelsbeziehungen hinausgeht.
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Norwegen haben sich in den letzten Jahren intensiviert. Ein wichtiger Meilenstein war das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta), zu der neben Norwegen auch Island, die Schweiz und Liechtenstein gehören. Dieses Abkommen trat am 1. Oktober 2025 in Kraft und hat den bilateralen Handel weiter angekurbelt. Norwegen exportiert traditionell Fisch, Maschinen und chemische Produkte nach Indien, während Indien vor allem Textilien, Pharmazeutika und Fahrzeuge nach Norwegen liefert. Die neue Partnerschaft soll nun auch den Technologietransfer und Investitionen in erneuerbare Energien fördern.
Der Besuch Modis in Oslo ist historisch: Es ist der erste Besuch eines indischen Premierministers in Norwegen seit 1983, als Indira Gandhi das Land besuchte. Damals standen andere Themen im Vordergrund, vor allem die Solidarität mit Entwicklungsländern und die Blockfreienbewegung. Heute geht es um konkrete wirtschaftliche und ökologische Zusammenarbeit. Modi traf in Oslo unter anderem König Harald V. von Norwegen und Ministerpräsident Jonas Gahr Støre. Die Gespräche waren von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, aber auch von der Dringlichkeit, die Klimaziele zu erreichen.
Indien hat ehrgeizige Klimaziele: Bis 2030 will das Land 500 Gigawatt an erneuerbarer Energie installieren und seinen Kohleverbrauch reduzieren. Norwegen kann hier als Vorbild dienen, denn das Land hat den Übergang zu erneuerbaren Energien bereits weitgehend geschafft. Allerdings gibt es auch Kritik: Norwegen fördert weiterhin große Mengen Öl und Gas und exportiert diese fossilen Brennstoffe in andere Länder. Umweltorganisationen werfen dem Land daher vor, seine Klimabilanz zu schönen. Die neue Partnerschaft mit Indien könnte Norwegen helfen, seine Rolle als grüner Vorreiter zu legitimieren, während es gleichzeitig seine Öl- und Gasindustrie aufrechterhält.
Die Zusammenarbeit in der blauen Wirtschaft ist besonders vielversprechend. Norwegen ist weltweit führend in der maritimen Technologie, etwa bei Offshore-Windparks, Schiffsantrieben und Aquakultur. Indien hat eine lange Küstenlinie und große Potenziale für Offshore-Windenergie. Gemeinsam könnten beide Länder innovative Lösungen entwickeln, die auch auf andere Regionen übertragbar sind. Auch die grüne Schifffahrt, also der Einsatz von emissionsarmen oder emissionsfreien Antrieben in der Seefahrt, ist ein Schwerpunkt. Norwegen hat hier bereits Pionierarbeit geleistet, etwa mit elektrischen Fähren und Wasserstoffantrieben.
Ein weiterer Aspekt der Partnerschaft ist die Klimaresilienz. Indien ist besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels, wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren. Norwegen verfügt über Expertise in der Anpassung an den Klimawandel, etwa im Wasserressourcenmanagement und im Küstenschutz. Diese Erfahrungen können Indien helfen, seine landwirtschaftliche Produktion zu sichern und Infrastruktur widerstandsfähiger zu machen.
Die Partnerschaft hat auch eine strategische Dimension: Indien sucht nach Wegen, seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus dem Nahen Osten zu verringern. Der Iran-Krieg hat diese Abhängigkeit schmerzhaft deutlich gemacht. Norwegen als stabiler Partner in Europa bietet nicht nur Technologie, sondern auch eine politische Allianz. Beide Länder teilen demokratische Werte und ein Interesse an einer regelbasierten internationalen Ordnung. Die grüne Partnerschaft könnte daher auch zu engeren politischen Beziehungen führen.
Modis Europäische Reise, die auch Stationen in anderen Ländern umfasst, wird genau beobachtet. Indien balanciert seine Beziehungen zwischen den USA, Russland und Europa. Der Besuch in Norwegen zeigt, dass Indien auch mit kleineren, aber technologisch fortschrittlichen Ländern zusammenarbeiten will. Norwegen seinerseits stärkt durch diese Partnerschaft seine Rolle als Vermittler und Innovator in der globalen Energiewende.
Die konkreten Projekte, die aus der Partnerschaft hervorgehen sollen, sind noch nicht im Detail bekannt. Es wird erwartet, dass bald gemeinsame Arbeitsgruppen eingerichtet werden, die sich mit den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, blaue Wirtschaft und grüne Schifffahrt befassen. Norwegische Unternehmen wie Equinor, Statkraft und Kongsberg haben bereits Interesse an indischen Märkten bekundet. Indische Firmen wie Adani Green Energy, Tata Power und Suzlon könnten von norwegischen Technologien profitieren.
Die Bedeutung dieser Partnerschaft geht über die bilateralen Beziehungen hinaus. Sie sendet ein Signal an die internationale Gemeinschaft, dass auch Länder mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen kooperieren können, um die Klimakrise zu bewältigen. Indien und Norwegen zeigen, dass grüne Technologien und nachhaltige Entwicklung kein Nullsummenspiel sind, sondern gemeinsame Gewinne ermöglichen. Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell die Versprechen in Taten umgesetzt werden.
Source: ntv.de News