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Weltrekord für den Schwimmer Pan Zhanle: Chinas «fliegender Fisch» lässt die Fachwelt staunen – und lästern

Sep 10, 2026  Twila Rosenbaum  8 views
Weltrekord für den Schwimmer Pan Zhanle: Chinas «fliegender Fisch» lässt die Fachwelt staunen – und lästern

Ein Weltrekord im Königssprint

Paris war fast eine Woche ohne Weltrekord geblieben. Im Schwimmbecken hatte das zu Diskussionen geführt: Ist das Becken zu langsam? Dann kam Pan Zhanle. Der 19-jährige Chinese gewann über 100 Meter Freistil in 46,40 Sekunden, Weltrekord, und ließ die Konkurrenz um mehr als eine Sekunde hinter sich. Es war ein Rennen, das die Fachwelt staunen ließ – und sofort neue Fragen aufwarf.

Pan, dessen Übername «fliegender Fisch» lautet, machte seinem Namen alle Ehre. Vom Start weg setzte er sich ab, schwamm auf den ersten 50 Metern einem eigenen Rhythmus und baute den Vorsprung auf den letzten 15 Metern so weit aus, dass der Australier Kyle Chalmers später sagte, er habe beim Atmen zu Pan hinübergeschaut und gedacht, er sei Letzter. Chalmers, Olympiasieger von 2016 über dieselbe Strecke, gewann diesmal Silber. Seine Beschreibung zeigt, wie außergewöhnlich Pans Leistung war: nicht nur eine schnelle Zeit, sondern eine Demonstration der Überlegenheit.

Dabei hätte Pan beinahe den Final verpasst. Im Vorlauf schwamm er 48,40 Sekunden – exakt zwei Sekunden langsamer als im Final. Wäre er sechs Hundertstelsekunden langsamer gewesen, hätte er als Zuschauer auf der Tribüne gesessen. Er spielte mit dem Risiko, sagte später, er habe im Vorlauf nicht alles gegeben. Ein solches Taktieren ist im Schwimmen nicht ungewöhnlich, aber bei einem Favoriten bleibt es ein Balanceakt.

Das schnelle Wasser von Paris

Vor Pans Rekord hatte die Schwimmhalle von Paris Anlass zu technischen Debatten gegeben. Die Leinen zwischen den Bahnen brechen jene Wellen, die Spitzenschwimmer erzeugen. Entsalztes Meerwasser gilt als schneller als Süßwasser. Vor allem aber die Tiefe des Beckens spielt eine Rolle: In Paris ist das Becken 2,15 Meter tief, während es 2016 in Rio de Janeiro und 2021 in Tokio drei Meter tief war. Tiefere Becken helfen, dass weniger Wellen vom Boden zurück an die Oberfläche schwappen. Die Kritik lautete, Paris sei für Weltrekorde schlechter geeignet als frühere Olympia-Becken.

Umso bemerkenswerter ist, was Pan daraus machte. Wenn das Wasser tatsächlich langsamer ist, dann fällt seine Zeit noch stärker auf. Seine 46,40 Sekunden bedeuteten eine neue Dimension. Die Diskussion über die Beckentiefe verstummte jedenfalls für einen Moment – zumindest bis die Dopingdebatte wieder aufflammte.

Ein Rekord für die Geschichtsbücher

Seit 1954 der 50-Meter-Pool zum Standard wurde, hat es einen derartigen Vorsprung im olympischen 100-Meter-Freistil nicht gegeben. Die Zeit ist das eine, die Entwicklung das andere. Dreizehn Jahre lang stand der Weltrekord bei 46,91 Sekunden. Aufgestellt hatte ihn der Brasilianer Cesar Cielo – in einem der heute verbotenen Ganzkörperanzüge aus Polyurethan. Diese Anzüge sorgten Ende der 2000er-Jahre für zahlreiche Rekorde, bis sie 2010 aus dem Wettkampfsport verschwanden. Viele der damaligen Bestzeiten galten danach als kaum erreichbar.

2022 war der Rumäne David Popovici fünf Hundertstelsekunden schneller als Cielo und wurde als Wunderkind gefeiert. Seine 46,86 Sekunden schienen die Grenze des Machbaren zu verschieben. Nun kommt Pan Zhanle und senkt die Marke um fast eine halbe Sekunde auf 46,40. In einer Disziplin, in der Hundertstelsekunden über Medaillen entscheiden, ist das ein Erdrutsch. Es ist, als hätte jemand die Geschwindigkeit des Wassers neu definiert.

Die chinesische Dopingvergangenheit

Pans Rekord löste deshalb mehr Kritik als Euphorie aus. Der Grund liegt in der Geschichte des chinesischen Schwimmsports. Chinesische Athleten standen immer wieder unter Verdacht. In den 1990er-Jahren sorgten Läuferinnen mit Fabelzeiten für Aufsehen. Später wurde ein von zehn Athletinnen unterzeichneter Brief veröffentlicht, in dem stand, dass der Trainer Ma Junren unter Zwang Drogen verabreicht habe. Der Fall erschütterte das Vertrauen in das chinesische Sportsystem nachhaltig.

Auch im Schwimmen gab es Vorfälle. 2018 wurde ein Dopingkontrolleur gezwungen, eine Probe des Schwimmers Sun Yang mit einem Hammer zu zerstören. Trotzdem durfte Sun Yang an den Weltmeisterschaften 2019 starten und gewann zweimal Gold. Erst 2020 wurde er nach einem Rekurs der Welt-Antidopingagentur gesperrt. Für viele Beobachter war das ein Beispiel dafür, wie zögerlich der internationale Sport mit chinesischen Dopingfällen umging.

Die 23 positiven Proben von 2021

In diesem Jahr geriet auch die Welt-Antidopingagentur selbst in Verruf. Medienrecherchen und Whistleblower machten publik, dass 2021 insgesamt 23 chinesische Schwimmer positiv auf das Herzmedikament Trimetazidin getestet worden waren. China hatte sich zu jener Zeit wegen der Corona-Pandemie vollständig abgeschottet. Die Welt-Antidopingagentur akzeptierte die Erklärung der chinesischen Antidopingbehörde, wonach es in einer Hotelküche zu einer Kontamination mit dem Medikament gekommen sein soll. Der Fall blieb unter Verschluss, bis Whistleblower darauf hinwiesen.

Damals positiv getestete Athletinnen und Athleten starteten an den Sommerspielen in Tokio. Elf von ihnen sind auch in Paris dabei. Pan Zhanle gehört nicht zu ihnen – er war zum Zeitpunkt der Proben erst 16-jährig. Doch er steht wie der Rest des Teams unter besonderer Beobachtung. Die chinesischen Schwimmer waren vor den Spielen in einem Vorbereitungscamp in Deauville, wo sich die Dopingkontrolleure die Klinke in die Hand gaben. Zweihundert Proben wurden dort genommen, fünf bis sieben pro Athletin und Athlet. Nach Angaben des Welt-Schwimmverbandes wurden die chinesischen Olympiateilnehmer seit Anfang Jahr sogar jeweils 21-mal getestet, etwa dreimal mehr als beispielsweise die US-Amerikaner.

Ein Beispiel für die anhaltenden Zweifel ist Qin Haiyang. Er hält den Weltrekord über 200 Meter Brust und gewann 2023 sämtliche Weltcup-Rennen in dieser Disziplin. In Paris ging er sang- und klanglos unter. Qin war einer der 23, die 2021 Trimetazidin im Urin hatten. Unterdessen ist auch bekannt geworden, dass bei ihm vor einigen Jahren schon einmal das Kälbermastmittel Clenbuterol gefunden wurde. Das wurde auf kontaminiertes Fleisch zurückgeführt und blieb ebenfalls ungeahndet. Solche Fälle nähren die Skepsis, auch wenn sie keinen direkten Beweis gegen Pan Zhanle liefern.

Pan Zhanles kometenhafter Aufstieg

Pan Zhanle wurde am 4. August 2004 in Wenzhou in der Provinz Zhejiang geboren. Anfang 2024 war er international noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Dann wurde er in Doha Weltmeister über 100 Meter Freistil. Als Startschwimmer der chinesischen Staffel brach er zudem den Weltrekord über 100 Meter Freistil. Plötzlich war er kein Talent mehr, sondern ein Weltstar. Sein Aufstieg verlief so steil, dass er die Fachwelt überraschte – und manche Beobachter misstrauisch machte.

Auf seinen kometenhaften Aufstieg angesprochen, sagte Pan, dass sein Verband ausländische Trainer engagiert habe, von denen er profitiere. Vor allem habe er dank Videoanalysen seine Technik stark verbessert. Das ist eine plausible Erklärung: Im modernen Schwimmen entscheiden Details über Erfolg. Start, Wende, Unterwasserphase, Armzug und Atemrhythmus werden mit Kameras analysiert und optimiert. Pan gilt als athletisch und technisch versiert, mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, auf den ersten 50 Metern ein hohes Tempo zu halten.

Seine Leistung in Paris war dennoch ein Sprung. Zwischen seinem Vorlauf in 48,40 Sekunden und dem Final in 46,40 Sekunden lagen Welten. Im Final schwamm er nicht nur schneller als alle anderen, sondern auch schneller, als es die Geschichte dieser Disziplin je gesehen hatte. Die 46,40 Sekunden werden nun als neue Referenz in den Rekordbüchern stehen. Für Pan bedeutet das: Er ist nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte. Jedes seiner Rennen wird künftig mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden, sportlich und außersportlich.

Zwischen Bewunderung und Misstrauen

Der 100-Meter-Freistil gilt als Königssprint des Schwimmens. Wer hier gewinnt, steht im Zentrum. Pan Zhanle hat diesen Status mit einem Rennen erreicht, das in Erinnerung bleiben wird. Doch der Weltrekord fällt in eine Zeit, in der das Vertrauen in saubere Leistungen im chinesischen Schwimmsport beschädigt ist. Die einen sehen einen Ausnahmeschwimmer, der mit harter Arbeit und moderner Trainingsmethodik Geschichte schreibt. Die anderen sehen ein System, das in der Vergangenheit mehrfach aufgefallen ist und dessen Kontrollen lange intransparent blieben.

Für Pan selbst ist die Lage paradox. Er war 2021 zu jung, um zu den 23 positiven Fällen zu gehören. Er wird häufiger getestet als viele seiner Konkurrenten. Seine Erklärungen – ausländische Trainer, Videoanalysen, Technikarbeit – klingen nachvollziehbar. Und doch haftet ihm der Schatten seiner Teamkollegen an. Ein Weltrekord beendet solche Debatten nicht. Im Gegenteil: Er macht sie lauter.

Kyle Chalmers beschrieb seinen Eindruck nach dem Rennen mit einem Satz, der sowohl Bewunderung als auch Ratlosigkeit enthält. Er habe sein Allerbestes gegeben, und als er auf den letzten 15 Metern beim Atmen zu Pan hinübergesehen habe, sei dieser so weit weg gewesen, dass er dachte, er sei Letzter. Chalmers wurde Zweiter. Pan Zhanle aber schwamm in eine neue Dimension.


Source: Neue Zürcher Zeitung News


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