Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm hat den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an die US-Ökonomin Claudia Goldin von der Harvard-Universität verliehen. Goldin wird für ihre bahnbrechende Forschung zu den Ursachen geschlechtsspezifischer Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt ausgezeichnet. Der Preis markiert den Abschluss der Bekanntgaben der Nobelpreisträger für das Jahr 2023. Die feierliche Verleihung findet traditionsgemäß am Todestag von Alfred Nobel, dem 10. Dezember, statt.
Goldins Forschung: Ein tiefer Einblick in Frauenarbeit
Claudia Goldin hat über Jahrzehnte hinweg historische und aktuelle Daten gesammelt und analysiert, um die Rolle der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verstehen. Ihre Arbeit hat gezeigt, dass die Beteiligung von Frauen am Arbeitsleben in den letzten 200 Jahren nicht linear verlief. Anders als häufig angenommen, ging die Erwerbsbeteiligung verheirateter Frauen im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung zunächst zurück, da die Produktion aus den Haushalten in Fabriken verlagerte wurde und Frauen durch Ehe und Kinderbetreuung gebunden waren. Erst im 20. Jahrhundert, besonders ab den 1960er Jahren, stieg die Teilhabe wieder deutlich an.
Goldin identifizierte die Einführung der Antibabypille als einen zentralen Wendepunkt: Sie ermöglichte Frauen eine verlässliche Familienplanung und eröffnete ihnen neue Karrieremöglichkeiten. Dennoch besteht ein hartnäckiges Lohngefälle. Ihre zentrale Erkenntnis: Der Grossteil der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen entsteht mit der Geburt des ersten Kindes. Während Männer nach der Geburt eines Kindes meist weiter Vollzeit arbeiten, reduzieren Frauen oft ihre Arbeitszeit oder steigen aus dem Beruf aus – was langfristige Auswirkungen auf Einkommen und Karrierechancen hat.
Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaften
Die Auszeichnung Goldins wird in der Fachwelt breit begrüsst. Isabel Martínez, Ökonomin an der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, betonte, Goldin habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Frau im Arbeitsmarkt und in der Ökonomie sichtbar wurde. „Unter anderem Dank Goldins Arbeiten haben wirtschaftliche Akteure auch ein soziales Geschlecht, mit all den Eigenschaften, die dieses mit sich bringt“, sagte Martínez. Das mag heute trivial klingen, aber diese differenzierte Blickweise sei nötig gewesen, um über Geschlechterunterschiede, familiäre Pflichten oder flexiblere Arbeitsbedingungen diskutieren und forschen zu können.
Achim Wambach, Präsident des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW, erklärte, Goldin habe das Verständnis zur Gleichberechtigung am Arbeitsplatz wesentlich erweitert. Sascha Steffen von der Frankfurt School of Finance & Management hob hervor, ihre Erkenntnisse über das anhaltende Lohngefälle bildeten eine wichtige Grundlage für politische Entscheidungen und künftige Forschungen.
Goldin als dritte Frau mit Wirtschaftsnobelpreis
Mit Claudia Goldin wird zum dritten Mal eine Frau mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt. Zuvor erhielten Elinor Ostrom (2009) und Esther Duflo (2019) die Auszeichnung. Goldin lehrt seit 1990 an der Elite-Universität Harvard und hat dort Wirtschaftsgeschichte und Arbeitsmarktforschung vorangetrieben. Ihre Methodik, historische Archive zu durchforsten und Daten zu korrigieren, hat ihr einzigartige Einsichten ermöglicht. Der Nobelpreis ist mit elf Millionen schwedischen Kronen (etwa 910.000 Franken) dotiert – eine Million mehr als in den Vorjahren.
Der Wirtschaftsnobelpreis im Kontext
Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ist der einzige der Nobelpreise, der nicht auf das Testament von Alfred Nobel zurückgeht. Er wird seit Ende der 1960er Jahre von der schwedischen Reichsbank gestiftet und zählt streng genommen nicht zu den klassischen Nobelpreisen. Trotzdem wird er gemeinsam mit den anderen Nobelpreisen am 10. Dezember feierlich überreicht. Im vergangenen Jahr wurden der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke sowie die Ökonomen Douglas Diamond und Philip Dybvig für ihre Forschung zu Banken und Finanzkrisen ausgezeichnet. Generell geht der Wirtschaftsnobelpreis häufig an Preisträger aus den USA oder an Wissenschaftler, die dort tätig sind.
Die Forschung von Claudia Goldin hat nicht nur das Verständnis von Arbeitsmärkten revolutioniert, sondern auch die Debatte über Gleichstellung politisch beeinflusst. Ihre Arbeiten zeigen, dass Verhütungsmittel, Bildung und flexible Arbeitsumgebungen zentrale Hebel sind, um die Schere zwischen Männern und Frauen zu schliessen. Dennoch bleibt das Lohngefälle bestehen, selbst wenn Frauen heute in vielen Ländern höhere Bildungsabschlüsse vorweisen als Männer. Goldins Werk bietet eine empirische Grundlage, um dieses Ungleichgewicht sowohl wirtschaftlich als auch politisch zu korrigieren.