Ukrainische Beamte haben den umstrittenen dänischen Filmregisseur Lars von Trier nach seinem jüngsten Instagram-Post scharf kritisiert. In dem Post richtet sich von Trier direkt an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Er schreibt: „Im Übrigen: An Herrn Zelenskyj und Herrn Putin, und nicht zuletzt an Frau Frederiksen (die gestern wie eine Verliebte im Cockpit einer der furchterregendsten Tötungsmaschinen unserer Zeit posierte und dabei von Ohr zu Ohr grinste).“ Weiter heißt es: „AUCH RUSSISCHE LEBEN ZÄHLEN! Mit freundlichen Grüßen Lars.“
Bezug zum Besuch Selenskyjs in Dänemark
Der Beitrag bezieht sich auf den am vergangenen Sonntag stattfindenden Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in von Triers Heimatland Dänemark. Dort empfingen ihn die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen, Außenminister Lars Lökke Rasmussen und Verteidigungsminister Jakob Ellemann-Jensen. Frederiksen sagte, ihr Land werde der Ukraine „19 F-16-Kampfjets schenken“. Die Kampfflugzeuge aus Dänemark sollen in drei Tranchen geliefert werden: sechs gegen Ende des Jahres 2023, acht im folgenden Jahr und fünf im Jahr 2025. Kurz zuvor hatten bereits die Niederlande der Ukraine die Bereitstellung von US-Kampfjets zugesagt.
Scharfe Kritik aus der Ukraine
Oleksij Danilow, der Vorsitzende des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, teilte von Triers Beitrag auf Twitter (X). Dazu schrieb er: „Der Krieg ist kein Film, in dem Schauspieler Leben und Tod spielen. Hinter jedem lebenden russischen Terroristen verbirgt sich ein toter Ukrainer.“ Danilow ergänzte: „Die Wahl zwischen Henker und Opfer wird zur Tragödie, wenn der Künstler sich auf die Seite des Henkers stellt. Die Ukraine lebt nicht in der Abstraktion, sondern in einer grausamen Realität, in der die Russen Mörder sind.“
Die ukrainische Reaktion ist Teil eines größeren Unmuts über Künstler, die aus Sicht Kiews eine vermeintlich ausgewogene Haltung im Russland-Ukraine-Krieg einnehmen. Von Trier ist nicht der erste Kulturschaffende, der wegen Aussagen zum Krieg in die Kritik gerät. Bereits zuvor hatten etwa der US-Schauspieler Sean Penn oder der britische Regisseur Danny Boyle eindeutig aufseiten der Ukraine Stellung bezogen.
Russische Reaktionen auf die F-16-Lieferungen
Der russische Botschafter in Kopenhagen, Wladimir Barbin, warf Dänemark daraufhin eine Verschärfung des Konflikts vor. Die Entscheidung, „der Ukraine 19 F-16-Kampfjets zu schenken, führt zu einer Eskalation des Konflikts“, erklärte Barbin am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Moskau sieht die NATO durch die Lieferung westlicher Waffen immer tiefer in den Konflikt hineingezogen. Nach Ansicht russischer Militärexperten könnte der Einsatz moderner F-16-Jets auf ukrainischer Seite die russische Luftüberlegenheit infrage stellen und zu einer neuen Phase des Krieges führen.
Lars von Trier – ein kontroverser Regisseur
Der 66-jährige Däne Lars von Trier ist bekannt für provokante Filme wie „Dogville“, „Die Idioten“ oder das Epos „Breaking the Waves“. Er gilt als einer der einflussreichsten europäischen Filmemacher der Gegenwart, aber auch als eine Person, die immer wieder mit unkonventionellen und politisch heiklen Äußerungen für Aufsehen sorgt. Bereits im Jahr 2011 war von Trier auf den Filmfestspielen von Cannes in die Kritik geraten, als er auf einer Pressekonferenz sagte, er verstehe Adolf Hitler und habe Sympathien für den Diktator geäußert. Damals wurde er zur unerwünschten Person auf dem Festival erklärt und musste sich öffentlich entschuldigen.
Von Trier, der Regisseur hinter Filmen wie „Dogville“ und „Die Idioten“, machte schon vor einigen Tagen Schlagzeilen, nachdem er auf Instagram verkündet hatte, dass er auf der Suche nach einer Freundin oder Muse sei. Im vergangenen Jahr hatte er seine Parkinson-Diagnose öffentlich gemacht, um Spekulationen über den Gesundheitszustand des 66-Jährigen vor der Premiere seiner Mini-Serie „The Kingdom Exodus“ zu vermeiden.
Historischer Kontext der dänisch-ukrainischen Beziehungen
Dänemark gehört zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine im Krieg gegen Russland. Bereits vor der Ankündigung der F-16-Lieferungen hatte Kopenhagen militärische Ausrüstung, humanitäre Hilfe und finanzielle Mittel im Wert von mehreren Milliarden Euro bereitgestellt. Die dänische Regierung ist auch politisch eng mit Kiew verbunden: Mette Frederiksen reiste mehrfach nach Kiew und empfing Selenskyj mehrfach in Kopenhagen. Die Lieferung der F-16-Jets wird als ein besonders starkes politisches Signal gewertet, da Dänemark damit einer der ersten Staaten ist, der moderne westliche Kampfflugzeuge an die Ukraine weitergibt.
Die Entscheidung, Kampfjets zu liefern, fiel nach wochenlangen Diskussionen in der NATO und innerhalb der dänischen Regierung. Die USA hatten zuvor grünes Licht für die Ausbildung ukrainischer Piloten an den F-16 gegeben. Experten sehen in der Lieferung einen Wendepunkt, da die Ukraine damit ihre Luftabwehr deutlich verstärken und russische Stellungen präziser angreifen kann.
Kunst und Krieg: Eine grundsätzliche Debatte
Von Triers Aufruf „Auch russische Leben zählen“ wirft eine grundsätzliche Frage auf, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird: Darf man im Krieg alle zivilen Opfer betrauern, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur angreifenden Nation? Viele in der Ukraine sehen eine solche Haltung als naiv oder als Verharmlosung der russischen Aggression. Andere, insbesondere in der internationalen Friedensbewegung, argumentieren, dass jedes menschliche Leben gleiche Würde besitze und nicht aufgerieben werden dürfe zwischen den Fronten eines Konflikts.
Der ukrainische Nationalismus hat sich während des Krieges verstärkt, und die Gesellschaft zeigt wenig Verständnis für Positionen, die die Täter-Opfer-Umkehrung zu propagieren scheinen. Die scharfe Reaktion von Danilow spiegelt diese Stimmung wider. Von Trier selbst hat sich nicht weiter zu den Reaktionen geäußert. Sein Instagram-Account bleibt aktiv, und er hat den Post bisher nicht gelöscht.
Weitere Reaktionen in Dänemark und international
In Dänemark selbst wurde von Triers Post ebenfalls diskutiert. Während einige Künstler und Intellektuelle seine Haltung als humanistisch verteidigen, kritisieren Politiker aller großen Parteien den Regisseur scharf. Der dänische Außenminister Lars Lökke Rasmussen sagte in einem Interview, er verstehe die Empörung in der Ukraine und forderte von Trier auf, sich genauer über die Realität des Krieges zu informieren. Auch in den sozialen Medien gibt es eine hitzige Debatte. Der Hashtag russianslivesmatter wurde von Anhängern von Triers aufgegriffen, von ukrainischen Nutzern aber meist mit dem Verweis darauf beantwortet, dass es in der Ukraine um das Überleben einer ganzen Nation gehe.
International haben sich mehrere Organisationen, die die Ukraine unterstützen, von von Triers Aussage distanziert. Dazu gehört auch die Initiative „Artists for Ukraine“, die sich für die Solidarität der Kulturbranche mit der Ukraine einsetzt. Der ukrainische Kulturminister Oleksandr Tkachenko forderte in einem Tweet die dänischen Künstler auf, sich nicht instrumentalisieren zu lassen.
Fazit der Ereignisse
Lars von Trier hat mit seinem Post eine empfindliche Stelle im öffentlichen Diskurs über den Krieg berührt. Ob ihm dies bewusst war oder ob es wieder eine seiner Provokationen aus künstlerischem Blickwinkel war, bleibt offen. Sicher ist, dass die Ukraine keinen Dissens darüber duldet, wer das Opfer und wer der Aggressor ist. Die Debatte um den Wert jedes menschlichen Lebens im Krieg wird damit nicht beendet sein – sie wird sich weiter durch den öffentlichen Raum ziehen, so lange der Konflikt andauert. Die F-16-Lieferungen und die russischen Reaktionen darauf sind Teil einer sich ständig verändernden militärischen und politischen Landschaft, in der auch Künstler wie Lars von Trier sich nicht neutral verhalten können.
Source: Berliner Zeitung News